EIN MEILENSTEIN

In den 1960er-Jahren hielten die Schweizer Bands sich noch strikt an die angloamerikanischen Originale und sangen englisch – oder taten zumindest so. Ende der 1960er Jahre, als das Rockzeitalter auch in der Schweiz begann, wurde die Musik eigenständiger und experimenteller. Die Zürcher Band Krokodil nahm eine Pionierrolle ein, wenn es um «progressive» Rockmusik made in Switzerland geht. Doch auch das Krokodil sang englisch.

Die erste Verbindung von Hippiekultur und Schweizer Mundart war äusserst erfolgreich: Die Minstrels landeten 1969 mit ihrer volkstümlich-lüpfigen «Grüezi wohl Frau Stirnimaa» ganz vorn in den Hitparaden. Der nächste, der Mundart und Popkultur verband, war der ehemalige Sauterelles-Leader Toni Vescoli. Doch er setzte nicht mehr auf Pop- und Rockmusik, sondern gab sich nun als aufs Land emigrierter Folkie. Um einiges experimenteller war die Mundartplatte des Zürcher Szenegängers Anton Bruhin («vom Goldabfischer», 1970). In Bern waren die Berner Troubadours rund um den grossen Mani Matter mit ihren berndeutschen Chansons sehr erfolgreich. Doch sie bewegten sich ausserhalb der Pop- und Subkultur und begeisterten auch ein bürgerliches, meist nicht mehr ganz junges Publikum.

Was jetzt noch fehlte, war die Verschmelzung von rockiger Untergrundkultur und relevanten, verständlichen Texten in Schweizer Mundart. Diese Lücke schloss die Band Rumpelstilz, die 1971 in Interlaken gegründet wurde. Sänger Polo Hofer war das älteste und erfahrenste Bandmitglied, er war schon fast zehn Jahre als tingelnder Schlagzeuger in den Clubs und Diskotheken unterwegs gewesen. Mit Rumpelstilz wagte der von Bob Dylan, aber auch von deutschen Untergrundbands wie Ihre Kinder und Ton Steine Scherben inspirierte Texter den Sprung zu eigenen Songs – und zu berndeutschen Texten. Der Wechsel zur Mundart brauchte Zeit – zuerst spielte «Polos Oberländli Bändli» auch noch englische Covers und vorallem ausufernde Instrumentals zwischen Santana und Fusion.

Im Sommer 1973 erschien die erste Single von Rumpelstilz, aufgenommen im Berner Sinus Studio an der Münstergasse 48, wo auch sämtliche künftigen Studioplatten von Rumpelstilz eingespielt werden sollten. Laut dem Stilz-Pianisten Hanery Amman war der Warehuus Blues eine Art Testlauf: «Die Platte war vorallem intern wichtig, um etwas einzukreisen: <Was ist das, was machen wir da?>». Polo Hofer bediente mit seinen Mundarttexten bewusst die Zielgruppe der jugendlichen Hippies, Aussteiger und Gammler, im Oberländer Dialekt der 1970er auch «Vögel» genannt. «Ich wollte mit der Mundart etwas Kritisches sagen können. Darum kam ich 1973 als Erstes auf den Warehuus Blues.» Musikalisch orientierte sich die Band an einer schwer greifbaren Liveversion von Bob Dylans «Just Like Tom Thumb’s Blues» - was damals allerdings kaum jemand bemerkte. Im Text wurde bittere Konsumkritik geübt, während die von Hanery Amman komponierte B-Seite «Gammler» mit ihrer Aussteigerlyrik und treibendem Jazzrock vor allem das eigene Stammpublikum bei Laune hielt.

Die in einer Auflage von insgesamt 2000 Exemplaren veröffentlichte Single fand eine gewisse Beachtung in den Medien und verkaufte sich nicht schlecht – viele Exemplare landeten auch in Jukeboxen im Berner Oberland, die Hanery Ammans Vater als «Automaten-Aufsteller» mit Platten bestückte. Doch noch konnten und wollten Rumpelstilz kein grösseres Publikum erreichen, das über die Freaks und Vögel hinausreichte.

Musikalisch und textlich war der Warehuus Blues nicht mehr als ein erster Schritt. Rumpelstilz sollten sich in den ihnen verbleibenden fünf Jahren als Band noch gewaltig weiterentwickeln. Ihre Bedeutung hat die Single vor allem als erste Mundartrockplatte und als ein erster grosser Schritt in Richtung einer eigenständigen (Deutsch-)Schweizer Rockmusik. Später nahmen einige Konkurrenten in Anspruch, früher als Rumpelstilz dran gewesen sein und eifrige Journalisten nominierten neue Kandidaten als Schöpfer der ersten Mundartrockplatte. Doch der Warehuus Blues erschien (mindestes) ein Jahr vor anderen ähnlich gelagerten Veröffentlichungen wie dem Debutalbum der Zürcher Band Lise Schlatt (1974) oder dem nonsenselnden «Bärner Rock» von Grünspan (1975). Ganz abgesehen davon, dass Rumpelstilz und Polo Hofer während langer Zeit die unerreichten Meister ihres Fachs bleiben sollten.

Die Stilze selber blieben ihrem ersten veröffentlichten Song treu. Der Warehuus Blues war ein Fixpunkt ihres Liverepertoires und wurde auch bei späteren Reunion-Konzerten gespielt.

A MILESTONE

The summer of 1973 marked the beginning of a new era in Swiss rock and pop music. Rumpelstilz, a band of five gifted young musicians from Interlaken in the Bernese Oberland, released their first self produced single Warehuus Blues.

This was the first record to combine Anglo American music and lyrics that were sung in Swiss dialect. It was no coincidence, that the first swiss sung rock record was released in 1973. At the time, the underground culture was flourishing in Europe, not only in Switzerland, but also in Germany, France and Italy. There were communes and love-ins and drugs were an important matter in the alternative youth circles and hippie communities. If rock singers wanted to address their public directly and sing songs of political and social relevance, it was wise to do this in the language they were normally speaking – and not in Pidgin English.

Rumpelstilz were not the first to sing in their dialect. In Bern there were already the successful Bernese Troubadours, who sang chansons in the French style of Georges Brassens in their own dialect and had the enormously talented Mani Matter in their rows. Meanwhile,  former Les Sauterelles singer Toni Vescoli started to sing Folk tunes in his Zurich dialect. He was predated by The Minstrels, a trio of busking hippies, who had a big hit with their 1969 record “Grüezi wohl Frau Stirnimaa”.

But when it came to Rock music with and underground subtext, Rumpelstilz were the first to change from English to Swiss dialect and releasing their own record. In his Warehuus Blues lyrics singer Polo Hofer attacked capitalism and greed, using supermarkets as a symbol for such excesses. Musically, the song was not really typical for the band’s live sound, which usually was more funky and jazzy – especially in the beginnings of the band. Rumpelstilz clearly adapted an obscure live version of Bob Dylan’s “Just Like Tom Thumb’s Blues” – but (nearly) no one realized this at the time. The B-Side was a more driving (jazz) rocker and was the strong statement of a youthful “hobo” and hippie. Polo Hofer was directly addressing the freaks and outsiders who attended the early Rumpelstilz shows.

Only two years later Rumpelstilz were Switzerland’s most successful band and landed a handful of dialect hits in Switzerland – some of them even translated and released for the German market. In 1978, Rumpelstilz disbanded. There were musical differences and the band was disunited, when it came to the commercial direction one should take. In 1989, there was a short reunion, that lead to a new live recording.

The band always played Warehuus Blues in their live set, as it was a timeless tune and had been a turning point, not only for their own career, but for Swiss Rock music in general. After Warehuus Blues, things were not the same anymore.