TRAURIG SCHÖN

«Ich möchte ein Eisbär sein, im kalten Polar – dann müsste ich nicht mehr schrein, alles wär so klar.» Kein Deutsch gesungenes Lied brachte das Lebensgefühl der frühen 1980er-Jahre so auf den Punkt wie «Eisbär». In diesem Song ist es eisig kalt und doch glüht in der Tiefe die Leidenschaft, der Wille zum Leben. Geschrieben wurde dieser Schweizer Klassiker vom damals 18-jährigen Gitarristen und Multiinstrumentalisten Martin Eicher, der zusammen mit Schlagzeuger Marco Repetto und Bassist Christian «GT» Trüssel 1979 in Bern die Band Grauzone gegründet hatte. Grauzone waren die Nachfolgeformation der Berner Punk Band Glueams, bei der die Musiker erstmals aufeinandergetroffen waren. Old School Punk hatte sich überholt, wie Marco Repetto 1979 anlässlich eines London Trips feststellte. «Dort war alles viel offener als bei uns», erinnerte er sich später. «Auch wir wollten vermehrt mit Gefühlen arbeiten.» Inspiriert wurde «Eisbär» von einem Albtraum Martin Eichers. Doch sein Lied wuchs zur Erkennungsmelodie einer ganzen Generation. Und zu einem der grössten Schweizer Hits: Zum ersten Mal auf dem Punksampler «Swiss Wave The Album» veröffentlicht, wurde «Eisbär» 1981 von einem deutschen Dancefloor-Produzenten entdeckt und schliesslich in einer gekürzten Version auf einem Majorlabel veröffentlicht. Fast eine Million Mal verkaufte sich «Eisbär» insgesamt, wenn man auch Bootlegs und Veröffentlichungen auf Samplers mitzählt. In Deutschland kam der Release gerade rechtzeitig zum Anbranden der «Neuen Deutschen Welle», obschon Grauzone mit den kommerziellen Schlagern der NDW etwa so viel gemeinsam hatte wie der Rock’n’Roll mit Pat Boone, wie es Grauzone-Sammler Karlheinz Stille formulierte. «Wir singen Deutsch, weil wir in der Englischstunde träumten», begründeten Grauzone ihre Sprachwahl später nicht ohne Selbstironie. Im Sunrise Studio in Kilchberg/ZH, wo die Aufnahmen zu «Eisbär» entstanden, bekundeten Grauzone Mühe mit ihrem Zeitbudget. Weil es zeitweilig auch mit dem Timing von Schlagzeuger Repetto haperte, wurde ein Schlagzeug Loop geschnitten, der für den Sound von «Eisbär» prägend sein sollte. Dank diesem Loop und dem sirrenden Synthesizer wurde ein Prototyp des Techno geschaffen, der sich als äusserst nachhaltig erwies.

2019, zum vierzigsten Jahrestag der Grauzone-Gründung, kehrte der «Eisbär» zurück, als sorgfältige Reedition auf einer Vinyl-Maxisingle, im originalen Artwork mit dem weissen Bären auf blauem Hintergrund. Hinter der Neuveröffentlichung steht der erfolgreiche Schweizer Musiker Stephan Eicher, der der Band seines jüngeren Bruders Ende 1979 beigetreten war und für das cinéphile optische Erscheinungsbild von Grauzone verantwortlich war - die Band hatte sich ja auch nach dem gleichnamigen «Grauzone»-Film von Fredi M. Murer (1979) benannt. Stephan Eicher erwarb die originalen Grauzone-Studiobänder vom ehemaligen Label und bewahrte sie davor, verscherbelt zu werden. «Ich habe das gekauft wie ein Kunstwerk», erzählte Eicher seinem Interviewer Karlheinz Stille. «Vom Preis her ergibt das keinen Sinn, aber ich habe mir gedacht, dass man die Grauzone-Bänder zurück in die Nähe der Band bringen und sie so rahmen und ausstellen kann, dass sie mehr der Band entsprechen, als das bisher der Fall war. »

Nach «Eisbär» wird auch das Gesamtwerk von Grauzone neu aufgelegt. Der vorläufige Nachlass ist übersichtlich: Rund 20 Songs hat die Band veröffentlicht, sie gab nicht einmal ein Dutzend Konzerte, Fotos existieren kaum. Es waren wohl gerade diese Zurückhaltung und Kontrolle, die den Mythos Grauzone befeuerten. Ein Mythos, der sich bis heute hält – auch ausserhalb der Schweiz. Dabei tönten «die ersten Demos von Grauzone noch, als würde man einen Staubsauger laufen lassen», wie Martin Byland vom Label «Off Course» später anmerkte. Martin Eicher verschwand ohne Lebenszeichen (wenn man von der Solo-Maxisingle «Spellbound Lovers» aus dem Jahr 1988 absieht). Marco Repetto wendete sich der elektronischen Musik und dem Ambient zu, wo er noch heute aktiv ist. Stephan Eicher startete schon 1981 zu einer Solokarriere und ist bis heute einer der wenigen «richtigen» Schweizer Popstars. GT und die zeitweilige Grauzone-Saxofonistin Claudine Chirac zogen sich nach weiteren musikalischen Experimenten aus der Szene zurück. Aufgelöst haben sich Grauzone nie. Eine «Reunion», bzw. eine Wiederaufnahme der Bandaktivitäten scheint bis heute kein Ding der Unmöglichkeit. Es wäre eine willkommene Überraschung.

BEAUTY AND SADNESS

«Eisbär» (Polar Bear) by Swiss Band Grauzone was the theme song for the young generation in the German speaking parts of Europe of the early 1980s. It sounded cold and industrial at first, but there was passion burning beneath the surface. Grauzone were founded in the city of Bern in the summer of 1979 by drummer Marco Repetto and bass player Christian “GT” Trüssel. The two had played together in the Bernese Punk band Glueams (that released three sought after 45s) before, but Grauzone were a different thing. Repetto had witnessed the electronic revolution during a trip to London’s pulsating music scene. Suddenly, everything seemed possible. The rhythm section was joined by a then 18year old guitar player and singer named Martin Eicher, who briefly had played in Glueams. He went on to become the mastermind and “musical director” of Grauzone (the band name was borrowed from a film by Fredi M. Murer, released in 1979). Martin also wrote “Eisbär”, a song that was inspired by a nightmare, but then turned into a huge success. It was first released on a Swiss compilation named “Swiss Wave – The Album”, which wasn’t a big seller at first. “It sounded as if the band would run the vacuum cleaner”  producer and Off Course label co-owner Martin Byland remembered his first “Eisbär” impression. “Eisbär” was based on a rhythm loop, which made the song instantly danceable. This was a prototype for techno. In fact it was a German dance music producer who discovered the track and smelled it’s hit potential. In 1981 it was released on a label owned by EMI and was an instant success. “Eisbär” arrived just in time for the “Neue Deutsche Welle”, when German bands sang in their own language. Grauzone were less lighthearted than the German NDW stars and they said: “We sing German, because we dreamt in English class”. There even exists an English version of “Eisbär”, but it was not released at the time. “Eisbär” sold as much as one million copies, if you count in appearances on samplers and bootlegs. And this alternative Swiss classic is still doing well, almost 40 years after it’s first release.

Now “Eisbär” and all the other original Grauzone recordings are rereleased officially by a Geneva indie label, in cooperation with Stephan Eicher, Martin’s brother and one of the few “real” pop stars out of Switzerland. Stephan had joined Grauzone in late 1979 and was present on their studio recordings. As he was not satisfied with some of the later semi-official releases of the Grauzone heritage, he bought the surviving master tapes from the label, preventing them from being sold off. “I acquired these like a piece of art”, he explained to an interviewer, “now I can frame and hang them a little more appropriate than it was done before.”

Grauzone stopped their activities as a band in 1981, but they never officially disbanded. All members continued to play music, but nowadays only Stephan Eicher and Marco Repetto (a musician and producer of electronic dance and ambient music) are still on the scene. Nonetheless, a Grauzone “reunion” could happen anytime. It would be a welcome surprise.