43 SECONDS

43 Sekunden. So lange brauchten TNT aus Zürich, um das Lebensgefühl der Punks auf den Punk(t) zu bringen. Die Aufnahme aus dem Jahr 1979 ist schnell, hart, wütend. Man könnte es auch Lärm nennen. Was Sara «TNT» Schär, damals erst 14 Jahre alt, genau ins Mikrofon schreit, ist kaum zu verstehen, mal abgesehen vom Ramones-mässigen Einzähler «Eis zwäi drü vier!» und dem «Züri Brännt» Wortfetzen im Refrain. Aber dieses ultrakurze Songfragment, die vinylgewordene Antithese zu den episch langen Elegien der Kunstrocker der Siebzigerjahre, explodiert im Gehörgang wie eine Stange Dynamit.

Keine Schweizer Punk Platte tönt so kräftig und kompromisslos. So erstaunt es wenig, dass der «Züri Brännt!» Slogan sich bald verselbständigte und zum Schlachtruf der Zürcher Bewegung wurde, die im heissen Frühling 1980 auf die Strasse ging, um sich mehr Freiräume zu erkämpfen. TNT selber sahen sich nicht als aktiver Teil der organisierten Bewegung – auch wenn Sara zeitweise im Alternativen Jugendzentrum AJZ arbeitete. «Als wir dort auch mal gespielt haben, herrschte eine ganz seltsame Stimmung. Es schlug uns irgendwie eine komische Aggression entgegen. Wir waren wahrscheinlich nicht die, für die sie uns gehalten haben», bilanzierte die Sängerin in der Rückschau in einem Interview mit dem OX Magazine. In ihrem Song ging es nicht um brennende Barrikaden, sondern um brennende Langeweile – auch wenn dieses Sprachbild nicht gerade ein Volltreffer ist. Nochmals Sara im erwähnten Interview zu ihrem Verhältnis zur Bewegung: «Ich bin keine Person mit solch radikaler Ideologie, es war halt mein Umfeld. Es wurde immer enger, man musste so aussehen, man musste so denken und jeglicher Fun war verschwunden. TNT kam vielleicht teilweise politisch rüber, doch es hatte eine gewisse Leichtigkeit, es war nicht so verbohrt. Man hat seinen Frust ausgedrückt, wir haben es durch die Musik und Texte transportiert und das war es dann auch.»

TNT waren Punks, die ihre (musikalischen) Nischen schon vor dem organisierten Aufstand besetzt hatten und schon kurz nach ihrer Gründung als das heisseste Ding der kleinen, aber durchaus feinen Swiss Punk Szene gehandelt wurden. Allerdings waren sie wohl doch um einen Zacken politischer als die meisten anderen Züri Punx. Sara stimmt zu, glaubt aber, dass sie wegen ihrer englischen Texte nicht immer verstanden worden sei. "Songs wie <Bubble Guns>  über Polizeigewalt, <Splash> übers Sprayen, <Krokodil> über ein Krokodil, das Sigi Widmer, den damaligen Zürcher Stadtpräsidenten auffrisst, nahmen schon direkten Bezug auf die Geschehnisse an den Demos, an denen wir regelmässig dabei waren. Wir waren Teil der Bewegung, ohne eine Bewegungsband zu sein.“ TNT waren eine direkte Nachfolgeband der ebenso chaotischen wie legendären Dogbodys, die ihren an The Stooges, MC5 und den Sex Pistols geschulten Proto-Punkrock in wechselnden Formationen an Hausbesetzungen und illegalen Partys gespielt hatten. Von den Dogbodys zu TNT wechselten der Gitarrist und Songschreiber Dani Grässle, der Bassist Smudi Gross und der Schlagzeuger Gianni Luder. Sara Schär ersetzte das letzte noch verbleibende Gründungsmitglied der Dogbodys, den aus England stammenden Frontmann Ray Fairbrother. Zuvor hatte Sara kurz Bass bei der «all female» Punkband Züri eSeS gespielt. Sie stammte aus einer 68er-Familie, die sich politisch engagierte, und auch TNT-Gitarrist und Songschreiber Smudi vertrat dezidiert radikale Haltungen. Ihren ersten Gig spielten TNT im Volkshaus Zürich an einem «Anti Repressions Kongress» gegen die geplante Bundessicherheitspolizei (Busipo), die schlussendlich vom Schweizer Stimmvolk im Dezember 1978 abgelehnt wurde. Dort wurden sie von der alternativen Plattenfirma Voxpop angesprochen und unter Vertrag genommen. Die geballte Wut und Kraft von TNT (eine Version von «I Wanne Be Your Dog» wurde damals von einem Schweizer Piratenradio namens «Schwarzi Chatz» aufgenommen und ist hier zu hören) machte den Plattenleuten Eindruck.

Im März 1979 verliess Gianni Luder die Band (er gründete mit Saras Vater eine neue Band namens Shift) und wurde vom Schlagzeuger Phil Rust ersetzt. In diesem Line Up spielten TNT im Kirchberger Sunrise Studio ihre erste EP mit drei Songs ein, von denen «Züri Brännt» mit Abstand der bekannteste ist. Die Urheberschaft des Songs ist umstritten. Klar ist, dass er bereits aus der Dogbodys-Zeit stammt. Inspirationsquell war der Clash- Song «London’s Burning», welchen die Dogbodys coverten und auf die beengten Verhältnisse im grauen Zürich der 1970er Jahre zurechtstutzten. Paul Weixler, der geltend macht, der originale Texter von «Züri Brännt» zu sein, war nicht glücklich mit der veröffentlichten Version und beklagte sich darüber, dass ihm „sein“ Song gestohlen worden sei. Allerdings werden sowohl er wie auch Ray Fairbrother auf der Originalsingle als Texter aufgeführt. Weixler erhält gar einen speziellen «Credit» mit einer wenig schmeichelhaften Abwandlung seines Nachnamens - was auf ein nicht wirklich entspanntes Verhältnis zwischen TNT und ihm schliessen lässt. Weixler scheint bis heute besessen von „Züri Brännt" und nahm später verschiedene neue Versionen davon auf – ohne dass diese je veröffentlicht wurden.

TNT spielten später zwei weitere Singles und eine 10 Inch LP ein und entwickelten sich musikalisch rasant weiter. Musiker wie Thomas Wydler, Beat Schlatter (beide Schlagzeug) und Thomi Bickel (Gitarre) sprangen bei temporären Abgängen ein, doch die klassische TNT Besetzung bleibt diejenige mit Sara, Dani, Smudi und Phil.

Seit 1982 war die Band nicht mehr aktiv. Aus ihrer Asche entstiegen zahlreiche andere Formationen wie M.D. (Manisch Depressiv), The Kick oder The Killer Planets.

«Züri Brännt» ist die ewige Marke des verglühten Zürcher Aufruhrs. Schon 1980 lieh sich der Videoladen den Slogan für einen Film über die Zürcher Bewegung, der 2005 restauriert wurde und auf DVD greifbar ist. 2020 wurde eine Folge der Fernsehkrimi-Serie «Tatort» unter dem Titel «Züri Brännt» ausgestrahlt. Der Song, dem sie ihren Namen zu verdanken hat, wird angespielt – zu Bildern von Barrikaden und Polizeigewalt. Darauf schrieb das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel: «Als Brandbeschleuniger wird am Anfang des <Tatort> die Punk-Hymne <Züri Brännt> der Band TNT gespielt, 42 (sic) Sekunden geballte Wut gegen das Schweizer Establishment, die noch heute sehr attraktiv und aggressionsfördernd klingen.» 

«Züri Brännt» ist der bekannteste Schweizer Punk-Song, ein Klassiker der anderen Schweiz. Wie viele musikalische Ikonen wurde und wird auch dieser Song häufig missverstanden. Sara Schär ist übrigens wieder musikalisch aktiv:  Bei der Band OneTwoThree spielt sie Bass und singt - wie ihre beiden Bandkolleginnen Madlaina Peer und Klaudia Schifferle (von Kleenex).

43 seconds. That's how long it took TNT from Zurich to bring the Swiss punk attitude to life. The recording from 1979 is fast, hard, angry. You could also call it noise. Exactly what Sara "TNT" Schär, only 14 years old at the time, shouts into the microphone can hardly be understood, apart from the Ramones-style "Eis zwäi drü vier!“ (onetwothreefour - by the way the name of Sara’s new band together with Klaudia Schifferle from Kleenex and Madlaina Peer is onetwothree ) and the "Züri Brännt" word snippet in the chorus. But this ultra-short song fragment sung in Zurich dialect, the antithesis to the epic elegies of the art rockers of the seventies, explodes like a stick of dynamite.

No original Swiss punk record sounds so powerful and uncompromising. So it is not surprising that the "Züri Brännt! slogan soon took on a life of its own and became the battle cry of the Zurich movement, which occupied the streets in the hot spring of 1980 to fight for more freedom. TNT did not see themselves as an active part of the organized movement - even though Sara worked at times at the Alternative Jugendzentrum AJZ.  Their song was not about burning barricades, but about boredom. Sara talked to an interviewer about her relationship to the movement: "I'm not a person with such radical ideology, it was just my environment. It got tighter and tighter, you had to look like that, you had to think like that, and the fun was gone. TNT may have come across as political in parts, but it had a certain lightness, it wasn't so narrow minded. You expressed your frustration, conveyed it through the music and lyrics, and that was it.

TNT were punks who had already occupied their (musical) niches before the organized uprising started and were considered the hottest thing on the small but definitely fine Swiss punk scene. However, they were probably a bit more political than most of the other "Züri Punx". They were direct successors of the chaotic and legendary Dogbodys, who had played their proto-punk rock, schooled on The Stooges, MC5 and The Stooges in ever changing formations at squats and illegal parties. Moving from the Dogbodys to TNT were guitarist and songwriter Dani Grässle, bassist Smudi Gross and drummer Gianni Luder. Sara Schär replaced the last remaining founding member of the Dogbodys, frontman Ray Fairbrother, who hails from England. Previously, Sara had played bass in the "all female" punk band Züri eSeS. She came from a '68 family that was politically active, and TNT guitarist and songwriter Smudi also stood for decidedly radical views. TNT played their first gig at the Volkshaus in Zurich at an "Anti Repression Congress" against the planned Federal Security Police (Busipo), which was ultimately rejected by the Swiss voters in December 1978. There they were approached and signed by the alternative record company Voxpop. TNT's anger and power (a version of "I Wanne Be Your Dog" was recorded at the festival by a Swiss pirate radio station called "Schwarzi Chatz" and can be heard here) made a strong impression on the record people.

In March 1979 Gianni Luder left the band (he formed a new band with Sara's father called Shift) and was replaced by drummer Phil Rust. In this line up TNT recorded their first EP with three songs at the legendary Sunrise Studio, of which "Züri Brännt" is by far the most famous. The authorship of the song is disputed. What is clear is that it dates back to the Dogbodys era. The source of inspiration was the Clash song "London's Burning“. The Dogbodys covered and adapted it to the cramped conditions in the grey Zurich of the 1970s. Paul Weixler, who claims fatherhood for "Züri Brännt“ was not happy with the released version and complained the song had been stolen from him. However, both he and Ray Fairbrother are listed as lyricists on the original single. Weixler still seems obsessed with the story of „Züri Brännt" to this day, and later recorded several new versions of it - without ever releasing them.

TNT went on to record two more singles and a 10 inch LP and continued to develop musically at a rapid pace. Musicians like Thomas Wydler, Beat Schlatter (both on drums) and Thomi Bickel (guitar) stepped in during temporary departures, but the classic TNT lineup remains the one with Sara, Dani, Smudi and Phil.

Since 1982 the band was no longer active. From their ashes rose numerous other formations like M.D. (Manisch Depressiv), The Kick or The Killer Planets.

"Züri Brännt" is the eternal brand of the 1980’s Zurich riot. As early as 1980, the song title was borrowed for an indie video about the Zurich movement, which was restored in 2005 and is available on DVD. In 2020, a swiss made episode of the TV crime series "Tatort" was broadcast under the title "Züri Brännt." The song to which it owes its name is featured – and illustrated with images of barricades and police violence. German magazine Der Spiegel wrote in it’s review of the film: "As an accelerant, the punk anthem <Züri Brännt> by TNT is played at the beginning of the <Tatort>, 42 (sic) seconds of concentrated rage against the Swiss establishment, which still sound very attractive and aggression-friendly today."

"Züri Brännt" is the most famous Swiss punk song. Like many musical icons, this song was and is often misunderstood.